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Irlandreise September 2017 Westcoast Co. Clare

Caherlean-Doonbeg Ennis Kilkee Kilrush Carrigaholt Lahinch Ennistymon

Frühling 2017. Wir sitzen im lauten Berlin und schauen uns Videos von Irland auf Youtube an. Wo fahren wir diesmal hin ? Der Osten war für uns leider eher nachhaltig enttäuschend. Natürlich wieder an die Westküste ! Es geht doch nichts über den Atlantik, jedenfalls nach unserer Meinung. Der erste Buchungsversuch für Kilkieran, nahe der Connemara, scheitert an der wahrhaft schlechten Organisation des Internet-Reisevermittlers FeWo-direkt. Weiter nordwestlich wollen wir nicht buchen, da waren wir schon fast überall. Beim vorletzten Besuch mit unserem Sohn haben wir Ennis durchfahren, Spanish Point und Miltown kurz besucht, aber ohne Intensität. Für uns kommt also nur noch der äußerste Südwesten des Co. Clare in Frage, etwa von Lahinch bis zur Mündung des Shannon. Dort suchen wir per Internet ein annehmbares Cottage. Als geübte Selbstversorger wollen wir auch diesmal auf nichts verzichten. Im September ist vieles im Angebot, aber leider nichts zu haben. In Lisdoonvarna tobt der „Liebes(?)wahnsinn“, das Matchmaking Festival. County Clare ist scheinbar total ausgebucht. Schock ! Was nun ? Also doch zu alten Plätzen, oder vielleicht in den ach so touristischen Süden ? Nein, das Schicksal meint es gut mit uns und bringt uns nach intensiver Suche an einen wunderbaren Platz, nach Caherlean-Doonbeg, zu Jacinta und Paddy O´Grady. Wir haben gefunden, was wir suchen. Auf Google machen wir uns ein virtuelles Bild von Haus und Umgebung und wandern im Geist, dank Youtube, über die Strände und Klippen des County Clare.

Die Koffer sind gepackt und Flug, Mietwagen sowie Cottage sind gebucht. Am 11.09. geht es mit dem Taxi zum Flughafen Tegel. Das dieser, nach Meinung der Hälfte der Berliner, erhalten werden sollte, sehen wir eher mit großer Skepsis. Die wissen wohl nicht, was uns so eine runtergewirtschaftete Immobilie kosten wird !? Dazu die wachsende Belastung für die betroffenen Anwohner, was Lärm und Dreck angeht. Macht zu das Ding, das war doch sowieso schon entschieden und schön ist wahrlich anders. Aber wir sind im Urlaubsmodus und übersehen geflissentlich die offensichtlichen Mängel.

Pünktlich 12:30 Uhr landen wir in Dublin. Es regnet, was uns nicht wirklich stört, die Sonne ist immer oben. Hier stehen wir und wollen an die Westküste. Hertz, sonst der Mietwagen-Partner unseres Vertrauens, enttäuscht allerdings wiederholt durch irische Mitarbeiter, die uns doch tatsächlich eine Reifenversicherung für 5 € pro Tag aufschwatzen wollen, welche wir aber über den ADAC schon inklusive abgeschlossen haben !? Nachtijall, ick hör dir trapsen, wie der Berliner sagt ! Dank beharrlichem Verweis auf meinen „Hertz-Gold-Member-Status“, bekommen wir aber letztlich unser gebuchtes Fahrzeug im Terminal 2 ohne Zusatzzahlungen. Wir müssen nicht shutteln und vernünftige Reifen sind auch dran.

Die Umstellung zum Linksverkehr geht erfreulich reibungslos. Wir fahren über die M50 in Richtung Galway. In Lucan genehmigen wir uns bei Texaco einen Lunch, der übrigens an irischen Tankstellen meist unerwartet gut ist. Frisch zubereitete Stews und Pies, einfach lecker. Wir fahren auf der M6 durch bis zur Abfahrt 16, Loughrea. Dort biegen wir ab in Richtung Gort. Hier ist unser nächster Stop. Kaffee trinken, Pause machen und ab zu Aldi. Wir kaufen ein, was wir zum Start in den nächsten Tag in unserem Haus so alles brauchen werden. Hygieneartikel und Frühstück z.B., wir haben unsere Koffer nicht damit belastet. Anschließend fahren wir, gegrüßt von ersten herrlichen Regenbögen, über Corofin und Inagh, bis wir kurz vor Quiltie auf die N67 treffen. Auf der geht es weiter bis Doonbeg. Wie immer nehmen wir uns die Zeit, an Unerwartetem zu rasten, wir hetzen nicht dem Ziel entgegen und reisen ohne Streß.

Wir fahren entlang der Doonbeg-Bay. Es ist Ebbe, der Atlantik grüßt uns mit salzigem Wind und Seegrasgeruch. Es gilt, den richtigen Ponytrail zu finden. Wir cruisen rechts und links und wieder rechts und links, dann stehen wir auf dem letzten Ponytrail, oberhalb der Klippen von Doonbeg. Eine schmale Weidefläche mit friedlich grasenden Kühen trennt uns vom Atlantik. Wir sind angekommen.

Es ist 18:30 Uhr. Jacinta O´Grady ist in Croatien unterwegs, ihr Mann Paddy empfängt uns. Da ist sie wieder, diese offene, ehrliche Herzlichkeit der Iren, kein aufgesetztes Bla-Bla, wie wir es zum Teil von Deutschland kennen und verabscheuen. Sicherlich gibt es das auch in Irland, ist uns aber hier noch nicht wirklich begegnet. Wie man in den Wald reinruft, … usw., usw. ! Bei einem improvisierten Abendessen mit Gewürzgurken, Wiener Würstchen und „Brown Bread“, unterhalten wir uns mit Paddy über die Möglichkeiten, den Urlaub zu gestalten. In Berlin haben wir zwar schon umfangreiche Recherchen angestellt, aber hier sitzt ein Einheimischer, der die Plätze kennt, die Google noch nie gesehen hat. Die erste Nacht heult ein Atlantik-Sturmtief um das Cottage. Es schlägt den Regen waagerecht gegen die Fenster und trotzdem schlafen wir erstaunlich gut, obwohl die Betten, was die Größe angeht, nicht ganz unseren Vorstellungen entsprechen. Aber wir richten uns ein und es gibt keine weiteren Probleme.

Die Ruhe ist dominant. Außer Vogelgezwitscher und entferntem Wellenrauschen gibt es keine anderen Geräusche. Vom Frühstückstisch sehen wir auf den Atlantik, über dem ein herrlicher Regenbogen seine kräftig strahlenden Farben in den grauen Himmel stempelt. Er will nicht vergehen, wir deuten ihn als wunderbaren Willkommensgruß. „Robin The Redbreast“ flattert vor dem Fenster durch sein Revier und ein paar Elstern stelzen über den Rasen.

Guter Urlaub will gekonnt sein. Sie strahlt und flattert fröhlich umher wie das Rotkehlchen. Ich habe leichte Probleme mit der Umstellung. Sie will gleich los, trotz Regen. Wir fahren zum „Whitestrand“, nahe Doonbeg. Wir sind im „Land der Kühe“, hier kommen Milch und Butter für Deutschland her. Torfig braunes Regenwasser strömt von den Kuhweiden über den Strand. Der Geruch des ablaufenden Wassers zeigt das deutlich. Ich habe keine rechte Lust und will ins Trockene. Wir streiten, nein, ich streite und der halbe Tag ist im Eimer. Es tut mir ehrlich leid. Ich versuche abzuschalten und so wie sie zu genießen, was mir dann zum Glück auch gelingt. Sorry liebes Weib ! Jetzt ist es endlich „unser“ Urlaub.

Jacinta ist mittlerweile zurück von ihrer Reise und entpuppt sich als freundliche Gastgeberin, die ohne Probleme unsere Wäsche in ihren Trockner packt und sie zusammengelegt zurückbringt. Service, wie im Hilton ! Kleiner Scherz … Paddy sorgt fast täglich für Nachschub, was Holz und Torf für den Kamin angeht. Wir laden unsere Gastgeber zum Essen ein, ich werde sie bekochen. Dazu später mehr.

Ausflüge machen wir u.a. nach Kilkee (10 km), Einkäufe in Kilrush (11 km). So Paddys Tipps. Als erstes besuchen wir den „Scenic Way“ zu den Klippen von Kilkee. Da es noch immer regnet, werden die ersten Fotos vom Auto aus gemacht. Man muß den Weg von rückwärts fahren, da ist die Aussicht noch besser. Danke Paddy ! Anschließend erkunden wir die Einkaufsmöglichkeiten in Kilrush. Neben Aldi gibt es noch Tesco, ein Markt für Großeinkäufe und natürlich einen Super Valu. Ein kleines, gemütliches Städtchen mit vielen Möglichkeiten. Butcher, Banken, ein kleiner Markt und mehrere Pubs, die man hier „Pob“ ausspricht, „Family“-Klamottenläden und der Hafen, welcher eher eine Marina ist. Wir werden unsere Einkäufe hauptsächlich im Super Valu erledigen. Wir kennen die Kette schon von früheren Reisen. Die Lebensmittel kommen überwiegend aus der Region, Backwaren, Salate und täglich frischer Imbiß sind aus eigener Herstellung. Atlantik-Fisch und Meeresfrüchte liefert direkt der ansässige Fischer, Fleisch aller Art wird von heimischen Weiden geschlachtet, alles einfach nur lecker und köstlich. Wir wurden nie enttäuscht. Und alles zu annehmbaren Preisen. In Deutschland oft gehörtes Zitat: „In Irland ist alles teuer !“, können wir so nicht nachvollziehen. Es ist nicht teurer als in Deutschland, dafür ist die Qualität dreimal so gut. Das macht, nach unserer Rechnung, den Urlaub eher preiswerter ! Armes Deutschland !

Problematisch ist die Akzeptanz der Trinkwasserqualität. Was in Irland aus dem Hahn kommt, hat meist einen schmeckbaren, hohen Chlorgehalt. Hier vor Ort, kommt ein leicht torfiger Beigeschmack dazu, es erinnert an „Whitestrand“, also an Kuhweide. Wir konsumieren gekauftes stilles Mineralwasser für Kaffee und Tee. Problem gelöst.

„Caherlean-Doonbeg“. Der Ort unserer Sehnsucht. In Berlin oft angeschaut auf Google Maps und Youtube. Am neuen „Wild Atlantik Way“ gelegen, ist Doonbeg einbezogen in den neuen Tourismusboom. Doonbeg selbst ist ein Kernort, wie es viele in Irland gibt. In Deutschland würden wir sagen, drei Häuser und `n Hund. Alles im nahen und weiten Umfeld an einzelnen Gehöften und Ferienhäusern gehört amtlich dazu. So auch Caherlean. Genau genommen, sind das, über den Daumen, drei einsame Cottages am Atlantik. Aber das macht gerade den Reiz aus, die Lage und die Einsamkeit. Weit weg vom „Touri-Way“. Auto ist zwingend notwendig, will man mehr, muß man in alle Himmelsrichtungen ausschwärmen können. Historisch bietet Doonbeg an der Ortseinfahrt eine uralte Steinbrücke und gleich daneben das verfallene Castle, welches dem Ort im 16. Jahrhundert seinen Namen gab, abgeleitet von „Dun Beag“, was die kleine Festung bedeutet.

Tatsächlich ist es ein sehr kleiner Ort, mit mehreren Pubs, was sonst, drei kleinen Lädchen mit Dingen des täglichen Bedarfs, nebst Eis und Pie auf die Hand, einer Poststelle, einem Friseur und einer riesigen Kirche, die den halben Ortskern einnimmt. Das Land der Kühe ist Katholikenland. Zum Glück läßt uns das hier niemand merken. Selbst das Kreuz in „unserem Haus“ ist abgehängt. Mit Religionen jeglicher Art stehen wir ein kleines bißchen auf Kriegsfuß. Nicht wegen Gott, kann ja alles sein, aber wegen seinem/ihrem Personal. Zu Fuß ist man in 10 Minuten durch den Ort spaziert, aber da fallen wir sofort auf, in der Regel erledigt man hier alles per Auto.

Noch ein Regentag. Der vorerst letzte. Mitbringsel für die liebe Familie müssen gekauft werden. Natürlich. Das kann Kilrush nicht bieten, wir müssen die Kreise größer ziehen, vielleicht nach Limerick, entscheiden uns aber für Ennis (40 km). Verschiedene größere Anbieter, wie „Dunnes Stores“, „Penneys“ (Primark) oder „Tesco Superstores“ sind hier vor Ort und versprechen zu haben, was wir suchen. Sie haben. Wintersachen für die Enkel, Rugby-Shirts für die großen Jungs und lustige Avengers-Klamotten für die Schwiegertochter. Strickmütze, silberne Ohrringe, ein Türklopfer in Hufeisenform für das neue Haus, kleine Whiskey-Probierflaschen von Sorten, die es so in Germany nicht gibt, Glückssocken mit Shamrock-Motiv und eine keltische Silbertriskele für den Hals der Freundin unseres Jüngsten usw., usw. …

Die Halbinsel „Loop Head“, benannt nach einem 300 Jahre alten Leuchtturm, liegt oberhalb der Shannon-Mündung. Der „Scenic Way“ von Kilkees Klippen führt hierher. Vorbei an den „Bridges of Ross“, wo wir Halt machen für einen ausgedehnten Spaziergang. Eine faszinierende, riesige Felsformation, die früher aus drei Bögen bestand, ähnlich einer Brücke, die „Pfeiler“ stehen noch. 1896 posierten dort oben Leute für erste Fotografien. Heute existiert nur noch eine dieser Brücken, die Kleinste. Der Atlantik frißt über Jahrmillionen die Westküste Stück für Stück, selbst wir konnten in den letzten elf Jahren seinen Heißhunger bestaunen.

Der Leuchtturm wird staatlich vermarktet, wir müssen Eintritt zahlen, was auch gut ist, das ehemalige Leuchtturmpersonal hat weiter Arbeit. Wir können ein kleines Museum besichtigen und den Turm besteigen. Mit fachkundiger und ausgesprochen liebevoller Führung. Die Frau hat Spaß, wir auch. Ein riesiger, mit Steinen gelegter Schriftzug auf der Klippe vor dem Turm („Eire“), zeigte Piloten im 2. Weltkrieg, daß sie sich über neutralem Gebiet befinden. Wir sehen ihn entlang der Westküste ziemlich oft. Marias Problem, von Türmen aller Art nicht in die Tiefe schauen zu können, fordert sie selbst jedesmal aufs Neue heraus, indem sie auf alles Hohe unbedingt draufklettern muß. Ist sie oben, will sie wieder runter. Auch eine Art Therapie. Gut, wenn´s denn hilft. Wir dürfen auch die Toiletten benutzen. Übrigens, die saubersten, die uns in Irland je begegnet sind. Erwähnenswert, weil wir in ganz Irland durchweg negative Erfahrungen mit der Toilettenhygiene in Pubs und öffentlichen Gebäuden gemacht haben. Liegt es nun an den Iren oder an den Touristen, im Allgemeinen kann man sich auf diesen speziellen „Örtchen“ nicht wirklich wohlfühlen. Auf dem Rückweg rasten wir in Kilbaha und genehmigen uns in „Keating's Bar and Restaurant“ eine hervorragend zubereitete Seafood-Platte. Hier bestes Beispiel für die o.g. Problematik. Die Unmengen „Klosteine“ in der Pinkelrinne der Herrentoilette riecht man bis in die Gaststube, wo sich der Torfgeruch des offenen Kaminfeuers dazu mischt. Das reduziert natürlich den Genuß ...

Geheimtipp „Scenic Way“ Kilkee. Klippen, wie in Moher, nur nicht ganz so hoch und lange nicht so überlaufen. Aber mindestens genauso wild und einzigartig. Zu Fuß oder im Auto, man kann auf dem Weg jedesmal Neues entdecken. Deshalb sind wir hier, diese beeindruckende Natur hat es uns angetan. Das haben wir so in Deutschland nicht. Am Rand der Klippe, den gewaltigen Atlantik zu Füßen. Sein Brüllen, wenn er wütend kocht. Die Gischt stiebt in dichten Schwaden über die höchsten Felsen, der nasse Rasen „quatscht“ bei jedem Schritt und Winde in jeglicher Stärke ziehen und schieben an einem, daß man die Kamera nicht ruhig halten kann. Wehe dem, der sich zu nah an den Rand wagt, Kreuze auf den Klippen zeugen von graulichen Ereignissen. Aber es gibt auch den milden Atlantik, spiegelglatt lädt er bei Sonnenschein zum Baden in den „Pollock-Holes“ ein. Die Ebbe hat große Flächen der Küste freigelegt, die Möven schreien gedämpft, wir sitzen im Cafe „Diamond Rocks“ und genießen hausgemachten Schoko-Schokoladenkuchen mit warmem Schokoladenguß und Erdbeere, der uns noch ein paar mal hierher zieht.

„Carrigaholt“ ist der geheime Tipp aus dem Internet. Am unteren Rand des „Loop Head“ gelegen, am Ufer des Shannon, verspricht es ein historisches Castle am Hafen und das „Long Dock“, ein Pub und Restaurant der leicht gehobenen Klasse. Der kleine Hafen stemmt sich, wie fast alle Häfen in Irland, mit einer hohen Wellenbrechermauer gegen die Macht des Atlantik. Am Ende der Mauer überdauert eine Castle-Ruine die Zeiten. Wir hoffen, sie besichtigen zu können, aber ein elektrischer Viehzaun und ein Warnschild mit der Aufschrift „Angry Bull“ bringen uns zu der Überlegung, ob wir das wirklich wollen. Gehen wir also zum Lunch. Das „Long Dock“ wirkt wie ein zu früh geöffnetes, etwas unaufgeräumtes Pub mit Zugang für Wespen, die auf dein Essen warten. Kleiner Stand mit Tourismusartikeln auf dem Innenhof und daneben ein Räumchen für Artikel des täglichen Bedarfs. Wie in einem Dorfladen. Wir werden unseren Favoriten essen: Seafood, in der Ausführung „Surf´n´Turf“, also Steak vom Grill und Garnelen in Knoblauchbutter. Leider wird versäumt, die verbrannten Rückstände von den Grillstäben zu kratzen, die haben wir dann an unseren Steaks. Die Garnelen sind super, so kriege ich sie zu Hause auch hin. Kein Grund zu meckern. Na gut, wir waren mal hier …

Kurze Überlegung, mit der Autofähre bei Killimer für 29 € den Shannon nach Tarbert zu queren; was erwartet uns ? Stundenlanges Fahren Richtung Süden, aber auch stundenlang wieder zurück. Dingle, Cork, Ring of Kerry, NEIN ! In der Regel agiere ich im Irlandurlaub für ca. 2000 km als Kraftfahrer, das reicht. Südlicher und touristischer wollen wir nicht und das ist gut so. County Clare ist groß genug und seine Schönheit unbestritten. Delphin-Watching wollen wir übrigens auch nicht. Boote jagen auf dem Shannon hin und her, suchen für reichlich Euros einen schwimmenden Säuger und Massen an Touris schreien Ah und Oh, wenn sie nur eine Schwanzspitze erblicken. Unser Motto: Wir sind keine Touristen, wir wollen Besucher sein ! Erledigt.

Ein Russe ist verschwunden. Vermutlich beim Angeln von einer 120 Meter hohen Klippe gestürzt. 9 Tage sind die Coast Guards unterwegs, um ihn zu finden, u.a. mit einem Helicopter. Ohne Erfolg. Die Einheimischen sagen, ein Ertrunkener kommt erst nach 21 Tagen wieder an die Oberfläche. Wir denken, bei der gewaltigen Brandung wohl eher nicht. Der arme Kerl treibt schon längst im offenen Meer, wenn er nicht sogar schon Fischfutter ist. Pietätlos ? Nein ! Wir überlegen dreimal, bevor wir auf den oft glitschigen, hohen Klippen noch einen Schritt hin zur Kante wagen. Hier ist absolute Vorsicht angebracht, das gebietet der gesunde Menschenverstand und ist nicht die Makrele oder den Kabeljau wert !

„Cliffs of Moher“. Die linke Seite haben wir 2015 mit Peter nicht absolviert. Damals wurden an dieser Stelle zusätzliche Absicherungen gebaut, zuviele Besucher hatten sich dort unvorsichtig und lebensmüde in Gefahr gebracht.

Wir pausieren in „Spanish Point“. Der Tag beginnt stürmisch und wir beobachten riesige Wellen, die der Atlantik brüllend an die Küstenfelsen schleudert. Die Luft wirkt vernebelt, die hoch aufstiebende Gischt legt einen Wasserschleier über die Strände. Wir sind schwer beeindruckt, dieses Naturschauspiel geht sprichwörtlich unter die Haut und macht einem bewußt, wie klein und unbeholfen wir Menschen gegen diese Urgewalten sind.

An den Cliffs of Moher hat sich die Natur beruhigt, dafür strömen die Busladungen „Mensch“ von landwärts in Richtung Küste. Den Lärm und das Gedränge haben wir der großartigen Idee vom „Wild Atlantik Way“ zu verdanken, wir machen ein paar Fotos und treten genervt den Rückzug an. In den Touri-Läden kaufen wir noch einige Kleinigkeiten; etwas Schmuck und anderen „Urlaubserinnerungskram“. Später finden wir einen einsamen, kleinen Strand an den Klippen. So muß der Urlaub aussehen !

In „Ennistymon“ gibt es einen guten Kaffee. Beim letzten Besuch haben wir versäumt, „The Cascades”, zu besuchen, das holen wir heute nach. In einem Hinterhof, den wir nach einigem Suchen intuitiv finden, führt ein Weg zu einer schmalen, steilen Treppe. Über diese gelangen wir zu einer Plattform, von der aus wir auf die flach fließenden Wasserfälle sehen. In Regenzeiten ist es wohl soviel mehr, daß die Kinder des Ortes hier mit dem Kajak die Fälle durchfahren. Mitten im Ort fahren wir auf einer Straße, mit ca. 25-prozentiger Steigung, zum alten Friedhof. Eine verfallene Kapelle ist, neben vielen keltischen Kreuzen, ein schönes Fotomotiv.

Wir haben Hunger. „Lahinch“ ist der Ort unser Wahl, das ist mit dem Auto nur 10 Minuten von Ennistymon entfernt. Direkt an der Küste gelegen, ein beliebtes Ziel für Einheimische und Touristen, aber vor allem für Surfer. Hier sind die richtigen Wellen, die laufen nicht auf die Klippen aus, sondern auf feinen Sandstrand. Egal bei welchem Wetter, oder zu welcher Jahreszeit, die Surfer dominieren hier mit ihren Wohnwagen, Van`s und Campinghängern. Im „Corner Stone“ finden wir, was wir suchen: einen guten, irischen Lunch. Als Starter lassen wir uns einen frischen Krabbencocktail munden und danach verputzen wir ein gutes „Irish Stew“ und den „Fish of the Day“, einen lecker frittierten „Cod“. Was für eine hervorragende Küche, hier sind wir nicht zum letzten Mal. Auf der Promenade gibt es noch ein riesiges Eis. Die Waage steht Gott sei Dank weit weg in Berlin. Mittlerweile scheint prächtig die Sonne und wir sitzen am Atlantik und genießen diesen herrlichen Tag.

Wenn wir gerade vom Essen sprechen, wir haben ein Menü für unsere Gastgeber gekocht. Mittlerweile hat sich kurzfristig so etwas wie eine Freundschaft entwickelt; wir haben wohl einen entsprechend guten Eindruck gemacht (Schulterklopfen) und das beruht absolut auf Gegenseitigkeit. Uns sind die geraden Menschen am liebsten, die es nicht nötig haben, eine Maske zu tragen. Die Iren hier vor Ort, kämpfen auch nur um´s Überleben, verlieren darüber aber seltener die gute Laune. Das liegt wohl an ihrer grausigen Historie, aus allem Schlechten das Beste machen und dabei trotzdem lachen. Was liegt da näher, als Zeit miteinander zu verbringen, zu essen und zu trinken und sich über Götter und die Welt auszutauschen. Talk*, Talk, Talk … *(köstliches Radebrechen)
Es gibt Lammkeule. Natürlich (lieber Chris) mit ordentlich Knoblauch. Jacinta wird einen irischen „Champ“ zum Mahl beitragen. Maria richtet mit den Mitteln eines Ferien-Cottages einen festlichen Tisch her. Kerzen, Servietten und gute Weine haben wir im Super-Valu besorgt.

Menü:

Aperitiv:

Gin Tonic und Limettenscheibe

Vorspeise:

Knoblauchbutter-Garnele und Gurkenschleife mit Dill auf Buttertoast

Hauptgang:

In Guinness geschmorte Lammkeule und gebackenes Butternut-Süßkartoffel-Gemüse, dazu Jacintas Champ

Dessert:

Handgemachtes, fruchtiges Süßgebäck vom Profi aus Limerick (Gastgebergeschenk)

Wir trinken einen französischen Rotwein zum Lamm, trotz Guinness-Note in der Sauce, die richtige Wahl. Ein Côtes du Rhône kann das durchaus bewältigen. Der Digestiv geht nach Wahl, wobei hier erstaunlicherweise der Jägermeister auf Eis dem Kilbeggan den Rang abläuft. Slantje und Wohlsein !
Klingt alles ziemlich abgehoben, bringt aber Staunen, Lob und richtig gute Stimmung. Zum Abschluß noch ein Tee, wie wir ihn zu Hause trinken. Ein Mix aus schwarzen und grünen Blättern kann sogar die Iren überraschen und doch überzeugen, haben sie das Tee trinken in Europa doch quasi mit erfunden. So ein schöner Abend !

„Sterne“ beobachten ist hier so einfach, wie in ganz Deutschland nicht. Kein Lichtsmog stört den freien Blick in den Himmel, es ist absolut dunkel und die Sterne strahlen, wie angeknipstes Funkellicht. Wir gehen vor´s Haus und sehen, die Milchstraße existiert tatsächlich. Wir staunen in die Sternenhaufen und beobachten wirklich und wahrhaftig Sternschnuppen. Wunschkiste auf und losgewünscht und Küsse unterm Sternenzelt gibt’s auch.

Sunsets fast jeden Abend. Oft fangen die Tage feucht und neblig an, klaren über die Mittagszeit sonnig auf und enden in furiosen Sonnenuntergängen. Der Horizont ist hier dem Blick fast überall frei zugänglich, so haben wir herrliche Sunset-Panoramen. Das Auge schwelgt in die Weite des Himmels und des Atlantiks. Dort, wo sie sich treffen, vereint sie der glutrote Sonnenball zu einem umwerfenden Abschiedskuß. Bis Morgen.

Pub wird hier „Pob“ ausgesprochen, ich erwähnte es bereits. Das liegt wohl am Dialekt oder der gälischen Mundart. Wir suchen die Atmosphäre, die fröhlich singenden Menschen und die Musikanten, das gute Guinness und den riesigen LED-Fußball-Screen, aber wir finden leider nichts, was fußläufig erreichbar ist. Was wir finden, sind leere, kalte Trinkstuben. Doonbeg ist nicht der Ort für das, was wir suchen. Alles andere geht nur per Auto und ich habe so gar keine Lust, hier das zu tun, was ich in Deutschland auch nicht mache: fahren unter Alkohol. Für mich zählt beim Fahren 0,0 % ! Also, diesmal Irland ohne „Pob“. Traurig.

Abschied. Und wieder tut es weh. Mit Tränen in den Augen und der Ahnung, daß wir so schnell nicht wiederkommen werden, verabschieden wir uns von Jacinta und Paddy. Es muß schnell gehen, sonst wird es nur unnötig schwer. Ein letztes Winken und wir sind auf dem Weg nach Dublin. Landstraße wollen wir fahren, was sonst. Es ist 9 Uhr am Morgen und zum Check für den Flieger nach Berlin müssen wir ca.16 Uhr in Dublin sein, also genug Zeit. Die Fahrt geht durch die Midlands. Hier gibt es menschenleere Wälder, wie wir sie im Westen nirgends sahen. Die meisten Iren leben wohl in den großen Städten und an den Küsten. Im Landesinnern wirkt das Land erstaunlich unbewohnt. Na ja, bei 3,5 Mio Einwohnern, nicht verwunderlich. Die haben wir alleine schon in Berlin.
Irgendwo bei Tullamore finden wir einen guten Lunch-Pub und genießen ein letztes Mal ein original „Full Irish Fry“, sozusagen die Henkersmahlzeit. Übrigens das beste Irish Fry, das wir je hatten. Und wer hat´s gemacht ? Ein Holländer, der seit 9 Jahren in Irland lebt.

Die Zeiten ändern sich. Das Irland von 2006, das wir noch weit weniger touristisch erlebt haben, gibt es so nicht mehr. Der „Wild Atlantik Way“ ist eine schöne Sache, aber auch gleichzeitig eine zerstörerische. Die Romantik ist verschwunden, alles wirkt organisiert und geregelt und die Touris tragen ihren Teil dazu bei, indem sie ihre weltweit üblichen Marken setzen: Müll und dummes Gerede. Ihre Fotos beweisen, daß sie hier waren, aber ihre Herzen bleiben leer.

Unsere Herzen sind übervoll, die Seele bleibt hier und unsere Körper fliegen nun nach Berlin zurück.

Kommen wir wieder ? Wir werden sehen …….

 * irisch = Irland für immer

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