2015

Irland 29.09.-15.10.2015 - Von der Ostküste nach Nordwesten

Nancy´s Cottage - Cruisetown - Co. Louth - Co. Donegal - Burtonport - Letterkenny

 

„Ich verspreche ihnen, es wird in dieser Woche nicht regnen !“

Die nette ältere Sächsin, die im Flieger neben mir sitzt, besucht Irland zum erstenmal. Leute, die noch nie da waren, hatten ihr erzählt, das wäre doch ein kaltes Land, in dem es dauernd regnete. Gerne würde sie Guinness und Whiskey probieren, aber sie hätte Angst, außer Kälte, Sturm und Regen, nichts zu erleben !?
Mein Versprechen muntert sie auf und heute weiß ich, was sie für einen schönen Urlaub gehabt haben muß. Außer einem einzigen „Soft Day“ mit „Drizzle“, hatten wir alle Tage um die 18 Grad C, strahlend blauen Himmel und herrlichen Sonnenschein. Ein Wetter für „reisende Engel“ und sächselnde Rentnerinnen aus Berlin ! Grüße nach Hönow !

Das "Auto" einer Bekannten bringt uns mit altersgerechten Geräuschen, aber doch zuverlässig, zum Flughafen Schönefeld. Auf Sprengstoff „abgerieben“ und halb entkleidet durch sämtliche Kontrollen geschleust, starten wir pünktlich, bei guter Sicht auf Berlin, Richtung Urlaub. Maria gelingt beim Start ein Abschiedsfoto von Alex und Telespargel.

Unseren Mietwagen gibt es diesmal nicht am Flughafen. Mit dem Shuttlebus fahren wir zum Parkplatz von Hertz und übernehmen nach einer guten halben Stunde Wartezeit, eine geräumige Limousine.
Diesmal muß ich nicht trainieren, das Fahren im Linksverkehr klappt anstandslos und wir legen außerhalb von Swords eine erste Pause ein. Es ist früher Nachmittag und wir haben Hunger. Außerdem tauschen wir die schweren Wanderschuhe in leichtere und entledigen uns der ersten Kleidungsstücke, es ist einfach zu warm. Ein Spätsommer, wie man ihn sich für einen Urlaub wünscht.
In Drogheda kaufen wir Lebensmittel und Hygieneartikel, wir sind ja im gebuchten Cottage wieder Selbstversorger. Das ist es, was wir wollen: Unabhängigkeit. Kein Hotelbetrieb, kein betutteln durch irgendwelche B&B-Gastgeber, was durchaus liebenswert sein kann, aber wir wollen alleine wurschteln.
Richtung Termonfeckin fahren wir an Clogherhead vorbei in Richtung Cruisetown.

„Nancy´s Cottage“ finden wir an der Ostküste, keine 15 Minuten zu Fuß von der Irischen See entfernt, inmitten von riesigen Brombeerhecken und „brandenburgischen“ Alleen. Drei Häuser bilden hier ein winziges „Village“. In einem von ihnen leben die liebenswerten Caffrey´s, die sich für die Vermieter um „unser“ Haus kümmern. Wir werden herzlich aufgenommen, bekommen den Schlüssel und entsprechende Instruktionen, überreichen Wein und Blumen. Dann richten wir uns in unseren Räumen ein und machen einen ersten Erkundungsgang.
Zum Cottage gehört ein wunderschöner Garten mit Bäumen, die im Rund eng beieinander stehend eine kleine Wiese verstecken. Scheinbar der rechte Platz für irische Fabelwesen, wie Feen und Kobolde. Rundherum erstrecken sich landwirtschaftlich genutzte Flächen, die jetzt aber abgeerntet brach liegen. Die Ruhe ist anfänglich wieder eher unheimlich, kein städtischer Untergrundsound, kein störendes Geräusch, nur das Singen der vielen Vögel, welche die dichten Hecken und den Garten bevölkern.
Zum Dinner fahren wir nach Dunleer und erlauben uns im „Valley Inn“ einen Krabbencocktail und ein kleines Guinness. Slainte ! Wir sind angekommen !

Wir schlafen neun Stunden durch. Das ist unglaublich, wo ich es in Berlin auf gerade mal 5-6 Stunden Schlaf bringe. Als Folge unserer Aktivitäten wird das auch für den Rest des Urlaubs so bleiben. Abends gegen 11 Uhr fallen wir ins Bett und sind Morgens zu 9 Uhr, nach einem ausgiebigen irischen Frühstück, wieder bereit für neue Aktionen.
In der Regel cruisen wir, auf der Suche nach Entdeckungen und Eindrücken, rund um unser Cottage, wobei die Kreise dabei immer größer gezogen werden und wir oft erst am späten Nachmittag zurück sind. Kaffee gibt es unterwegs, auch für Lunch oder „Grub“ wird pausiert, zu Teatime und Dinner allerdings sind wir wieder zurück. Dann heißt es frischmachen und ab in ein Pub.

Wie das „Glyde Inn“ in Annagassan. Am „Morgen“ genießen wir hier die erste Kaffeepause. Der Keeper ist noch am Aufräumen. „How are you ?“ ist der typisch irische Gruß. Antwortest du mit einem „Fine, how are you ?“, hast du ein Gespräch angefangen. Der Keeper unterbricht seine Arbeit und die nächste Frage ist: „Where you come from ?“ und schon bist du mitten in einer herzlichen Unterhaltung.
Seafood ist ein Thema und das es hier beim Kochen um einen jährlichen Wettbewerb geht, den das „Glyde Inn“ dieses Jahr gewinnen will. Seafood ist auch ein uns genehmes Thema und wir witzeln, wir hätten gerne Lobster und Prawns zum abendlichen Dinner. „No Problem“ ist die Reaktion und wir verabreden uns zu 17 Uhr.

In der Zwischenzeit suchen wir den heiligen Hügel von Newgrange am Fluß Boyne, finden ihn, wollen ihn besichtigen, werden aber erstmal abgewiesen. Zutritt nur über das Touristeninformationszentrum Brú na Bóinne. Da wir für die Suche etliche Zeit brauchen, beschließen wir, dieses Vorhaben auf den nächsten Tag zu verlegen. Nur kein Streß ! Derweil besuchen wir den Hafen in Clogherhead, erledigen ein paar kleinere Einkäufe und lunchen Lamm, frisch aus der Pfanne.

Teatime im „Glyde Inn“. Entspannt harren wir der Dinge, die da kommen. Die „Dinge“ kommen in Gestalt des Keepers, der mit einer Plastiktüte in der Hand , in die Lounge stürmt. Ein Ire, ein Wort ! Strahlend stolz präsentiert er uns zwei stattliche, quicklebendig zappelnde Lobster, frisch aus der Irish Sea. Kurzes Fotoshooting, amüsiert kichernde Damen am Nebentisch und die Hummer gehen in der Küche ihrer Bestimmung entgegen. Sie präsentieren sich köstlich hergerichtet in neuem, roten Gewand, an Knoblauch- und Whiskeybutter, begleitet von herrlich frischen Tigerprawns und Champ. Kein alltägliches Erlebnis für uns, umso mehr genießen wir dieses einzigartige Dinner, das nach Meer und Urlaub schmeckt. Der Preis ist mehr als freundlich, dafür hätten wir in Deutschland Surimi essen können !?
Auf dem Heimweg stehen wir auf einem Scenic-Way an der Irish Sea und sehen entspannt in den rötlichen Abendhimmel, der einen schönen, neuen Tag verspricht.

Newgrange ist eine heilige Kultstätte der Kelten aus der Jungsteinzeit, älter als die Pyramiden. Hier wurden Sterne beobachtet, Zeremonien abgehalten und wenn zur Wintersonnenwende ein Lichtstrahl durch einen Spalt in die Tiefen der inneren Kammer auf eine Felsnische fiel, opferten die keltischen Priester das Blut ihrer Feinde und sammelten es in einer massiven Schale aus Felsgestein, die in dieser Nische steht.
Organisierter Tourismus sieht in Irland noch oft improvisiert aus und interessiert uns in der Regel nicht. In diesem Fall gibt es zu dieser interessanten Stätte keinen anderen Zugang und wir zwängen uns in Brú na Bóinne, nach dem Erwerb von Senior-Karten (!?), zusammen mit zwanzig anderen Besuchern, markiert mit einem farbigen Aufkleber auf der Jacke, in einen Shuttlebus, der uns direkt auf das Gelände bringt. Nach Aufkleberfarben sortiert und in Gruppen aufgeteilt wird dann ausschließlich in Englisch drauflos „geführt“, was uns schnell das Interesse verlieren läßt, da wir nicht mal die Hälfte verstehen. Wir retten uns wie meistens in Selbstbeschäftigung und haben, glauben wir, den größeren Spaß. Einem indischen Paar aus Chicago mit Kleinkind geht es ähnlich, wir radebrechen über Berlin und Irland, lichten uns gegenseitig digital ab und belächeln die Herde Touris, welche brav, nach Farben sortiert, über das Gelände geleitet wird. Fehlt nur der Hütehund, um sie geordnet zusammenzuhalten. Spaß beiseite, Ordnung muß sein und wir tanzen schon wieder aus der Reihe ...
In der Gruft ist fotografieren verboten; also wirklich Maria, ist dir denn nichts heilig ? Sie schafft tatsächlich ein paar bemerkenswerte Aufnahmen ohne Blitz mit sehr wenig Licht. Newgrange ist ehrlich ziemlich beeindruckend in seinen Dimensionen. Alles in allem eine aufschlußreiche Erfahrung, aber die nächsten erarbeiten wir uns wieder selbst.
Lunch genehmigen wir uns im Newgrange-Center, gebaut für die Touristen, mit Giftshop, kleinem Museum und Restaurant. Ein wirklich gutes Pie mit Beef und Guinness und ein herrlich frischer Obstsalat versöhnen uns letztendlich mit dem Tag. Maria kauft Geschenke für die Daheimgebliebenen und gönnt sich eine hübsche Kette mit einer silbernen Fee, die zwei wasserblau leuchtende Steine anstelle der zarten Flügel hat. Spaßig ist ein Stimmungsring, welcher anzeigt, wie sie sich gerade fühlt. Blau steht für entspannt sein. Nun ist sie „Maria Immerblau“ !

„Connemara Peated Single Malt“, so heißt der Whiskey, den wir in Deutschland favorisieren und der in Irland nicht vertrieben wird, ein reiner Exportartikel. Gemacht wird er bei Dundalk, auf der Halbinsel Cooley. Das wollen wir genauer wissen und machen uns auf die Suche nach der Destillerie. Wie immer nehmen wir nicht den geraden Weg, sondern biegen dort ab, wo es uns gefällt.
In Carlingford besuchen wir erstmal die Ruine von King John´s Castle, eine Festung aus dem Jahre 1210, die protzig normannisch über dem Hafen thront.
In Greenore gehen wir dann am Hafenstrand spazieren und beobachten Angler, die in der schnellen, starken Strömung der steigenden Tide Makrelen fischen. Auf der anderen Seite der Bucht liegt Nordirland, wir sehen im Nebel die Schatten von Türmen und Gebäuden. Zu den Engländern wollen wir nicht ...
Vom Norden der Halbinsel cruisen wir durch menschenleere Berge und Täler, zurück zur Hauptstraße auf der Südseite. Hier fragen wir einen Einheimischen nach dem Weg. Er erklärt uns ausschweifend im Cooley-Dialekt, welcher mit rollendem „R“ weder englisch noch gälisch klingt und an ein Gespräch mit vollem Mund denken läßt, wo wir die Destillerie finden. Wir verstehen nur „Martin´s Pub“, bedanken uns herzlich und finden tatsächlich Brennerei und Pub. Werkbesichtigungen und -verkäufe finden hier leider nicht mehr statt, vielleicht hat ein Touri auf einem Rundgang geraucht (!?) und das externe Besucherzentrum ist geschlossen, aber in „Martin´s Pub“ wird der hier gebrannte Whiskey offiziell angeboten. Also auf zum Pub und Whiskey kaufen. Wir erstehen eine Flasche „Connemara Original“, den es nur hier ab Werk gibt und ein Probenset von vier weiteren, hier erzeugten Whiskeys. Ein ideales Geschenk für unseren Jüngsten. Seitdem er uns 2013 begleitet hat, ist auch er ein Irland- und Whiskey-Fan. Slainte !

Viel zu sehen gibt es an der Ostküste für uns nicht. Hohe Heckensäume und riesiges Brombeergestrüpp an den schmalen Straßen, verbieten dem Blick, frei zu schweifen. Urlaub nach Plan. Wir studieren die Karte und steuern explizit ein Ziel an, ohne eine Gelegenheit, am Straßenrand Unerwartetes entdecken zu können. Vor Spaziergängen am Strand der Irish Sea warnen uns die Einheimischen; von Überfällen und Autoklau ist die Rede !?
Das Irland, welches wir mit unserem Urlaubsblick suchen, haben wir hier nicht wirklich gefunden. Dafür haben wir gute Iren kennengelernt, wie die Familie Caffrey oder den Keeper vom „Glyde Inn“. Ansonsten waren die Tage an der Ostküste eher hilfreich, um am Ankunftstag nicht so weit fahren zu müssen und sich an Linksverkehr, Sprache und alle anderen Umstände zu gewöhnen. Keine vertane Zeit, aber auch keine Überraschungen. Das soll im Nordwesten ganz anders werden !

Schlangenlinien trifft am ehesten als Beschreibung auf die Fahrt nach Donegal zu. So viele Kurven am Stück habe ich selten gesehen und natürlich nicht flach, sondern immer über felsige Hügel und durch grüne Täler. Hinter jeder Anhöhe eine neue Überraschung, ein kleines Village oder ein Wäldchen, ein Flüßchen oder ein beeindruckendes Lough. Die hohen Hecken verschwinden nach und nach und lassen dem Auge endlich Raum. In der Ferne, in Richtung Sligo, hohe Berge. Unaufhaltsam rücken sie näher und wir verlieben uns auf´s Neue in dieses schöne Land. Das Wetter ist herrlich und ich denke an die alte Dame aus dem Flieger. Sie wird diese Tage genießen und vielleicht denkt sie auch an uns.
Die Reise führt uns, auf den von uns so geliebten „Nebenstraßen“, über Ardee, Kingscourt, Cavan und Ballyconnell nach Bundoran. Wir nehmen uns Zeit und pausiert wird überall dort, wo es Sehenswertes, Imbiß und Kaffee oder ein „Örtchen“ gibt. Von Bundoran geht es weiter nach Ballyshannon, dann nach Donegal und Miltown und über Glenties nach Dunglow. Bis zu unserem Zielort Burtonport sind es nur noch 6 Km. Wir machen eine letzte Pause und füllen unsere Vorräte auf. Dunglow wird die nächste Zeit der Dreh- und Angelpunkt, um Einkäufe zu erledigen, zu tanken, oder einfach nur zu bummeln. Ein später favorisierter „Super Value“ mit fast ausschließlich einheimisch regionalen Produkten, bietet eine gute Auswahl an frischen Lebensmitteln zu guten Preisen. Aldi und Lidl sind ebenfalls vor Ort, können aber mit den „Ansässigen“ kaum mithalten, obwohl speziell Aldi sich dem irischen Markt bemerkenswert gut angepaßt hat ! Lidl ist eher zu vernachlässigen, wie halt in Deutschland auch ...

Morgens um 9 Uhr sind wir losgefahren und treffen um 16:30 Uhr in Burtonport ein. Wir hatten uns in Berlin auf Google Earth schlau gemacht und das Cottage per Street View bereits gesichtet. Nach kurzer Suche finden wir es und werden von den Vermietern, einem freundlichen, älteren Paar aus Letterkenny, sehr herzlich begrüßt. Kurze Führung und Einweisung, Schlüsselübergabe und ein paar gute Ratschläge, dann sind wir alleine und richten uns häuslich ein. Das Cottage an der Ostküste war eher ländlich schlicht im Vergleich zu diesem Haus, das schon beinahe luxuriös ausgestattet ist. Es gefällt uns sehr gut und wir sind sofort „zu Hause“. Den ersten Abend verbringen wir im Haus. Die lange Fahrt war doch ziemlich anstrengend und wir fallen müde in unsere Betten.

Der Hafen von Burtonport dient vor allem dem Betrieb der Fähren, die zwischen Aran Island und dem Festland pendeln. Vor kurzem gab es hier noch eine florierende Fischerei, man konnte am frühen Morgen frisch gefangenen Fisch, Krabben und Hummer am Pier direkt vom örtlichen Fischer kaufen. Das hätte uns gefallen ! Jetzt haben die Quoten der EU die Fischer und ihre Kutter auf Land verbannt, während spanische und norwegische Riesentrawler den Atlantik vor der Westküste leerfischen. Krabben und Hummer sind noch eine Option, aber auch deren Bestand ist stark zurückgegangen. Austern sammeln die Einheimischen während der Ebbe an den felsigen Stränden selbst, im „Lobster Pot“ werden wir diese noch kosten können ...
Wir wollen uns Dunglow ansehen, cruisen auf der Küstenstraße bei strahlendem Sonnenschein und genießen die Aussicht auf die kleinen Buchten und den Atlantik, der sich während der niedrigen Tide weit vom Land zurückgezogen hat. Carrageen-Algen säumen die freigelegten Sandbänke und Möwen segeln lautlos im ach so blauen Morgenhimmel. Den schönsten „Kitsch“ liefert die Natur unnachahmlich selbst und wir lieben es.

Ständig begegnen uns auf der kurvenreichen Straße Einheimische, die als Läufer oder Radfahrer im Pulk, Walkerpärchen oder einsame Jogger unterwegs sind und alle hochprofessionell im High-Tech-Outfit, sie sind vor allem Sonntags ziemlich sportlich, die Iren.
Pharmacy ist das, was ich heute brauche. Das indische Kleinkind aus Chicago hat mir wohl ein paar nette Schniefkeime vermacht, die Nase läuft seit Newgrange wie Wasser und ich kann nicht glauben, daß das, bedingt durch die salzhaltige Meeresluft, nur „Kopfreinigung“ ist.
Medizin gibt es in Irland ein Drittel billiger als in Deutschland, warum auch immer. Hersteller, Menge, Inhaltsstoffe und Verpackung sind identisch, nur der Name ist neu. Wir kaufen auf Vorrat, der Winter kommt bestimmt.

Der Versuch SMS nach Deutschland zu senden, scheitert an Vodafone, die gerade Probleme mit den Bergen im Land haben !? Also besorgen wir Ansichtskarten, erfahren aber, daß die Post streikt !? Wir senden trotzdem vorsorglich SMS und Postkarten ab, mal sehen ...

Es gibt genau eine Mainstreet in Dunglow. Während sich die Supermärkte und Tankstellen an den Ausfallstraßen befinden, reihen sich hier kleine Läden, Pubs und Restaurants aneinander. An ca. 200 m Straße finden wir acht Pubs, drei Restaurants, zwei Apotheken und ein Hotel. Dazwischen gibt es Schmuck- und Giftshops, einen Angelladen, Imbisse, Zeitungs- und Klamottenläden. Natürlich auch einen Butcher. Auf gutes, frisches Fleisch aus der Region, verzichten die Iren nicht und trotz Supermarkt-Konkurrenz, überleben deshalb die Handwerker in den meisten Orten. Das ist es, was die Deutschen verlernt haben, essen nach Qualität, nicht nach Niedrigpreis ! Es zieht sich wieder wie ein roter Faden durch unseren Urlaub, die Qualität der Lebensmittel ist hier unglaublich gut und das zu Preisen, die nicht höher sind, als in Deutschland ! Was uns sehr entgegen kommt, denn wir essen liebend gerne Lamm und Seafood.

Der „Lobster Pot“ ist ein von Amerikanern betriebenes Seafood-Restaurant mit einer großartigen Auswahl an frischem Fisch und anderen leckeren Meeresfrüchten. Alles kommt aus der Region von kleinen Fischereibetrieben, die trotz EU noch funktionieren. Die Einheimischen lästern leicht verbittert, der frischeste Fisch käme wohl bald von Aldi. Wir bestellen „Treasure Island“ und erleben zu verschiedenen frischen Salaten einen wundervollen Mix aus dem Atlantik. Auch wenn die Amis meinen, Brathering und Rollmops gehören dazu, ist ja schließlich auch Fisch, genießen wir Lachs, Heilbutt und Makrele, Muscheln, Krabben- und Hummerfleisch und essen sogar eine frische Auster, die Erste in unserem Leben. Ohne Ekel oder Zurückhaltung, als wenn es das Normalste auf der Welt wäre, schlürfen wir sie aus ihrer Schale, in einem Sud von Salzwasser und Zitrone. Kein Glibber, kein Schleim. Einfach nur lecker ! Wir kommen wieder ...

Die Klippen von Slieve League sind 600 m hoch und angeblich die höchsten Irlands. Moment mal, das haben die Iren auf Achill Island auch vom Croaghaun behauptet !? Egal, es ist hoch und zum Glück können wir bis zum Aussichtspunkt mit dem Auto fahren. Natürlich ist es beeindruckend und wir verbieten uns, es den Touris gleichzutun und über die Absperrungen zu klettern. Sie stehen dann auf dem höchsten Punkt über der Brandung, aber das sieht nach einem sehr tiefen Fall aus. Wer fliegen will, den soll man fliegen lassen ...

Glencolumbkille, das schöne Tal. Wir haben es schon zu Hause im Internet bewundert, hier vor Ort ist es einfach nur umwerfend schön. Auf den Fotos weht kein nach Salz duftender Westwind vom Golfstrom in das Tal und läßt die orangegrünen Gräser der Hügel leise wispernd tanzen und kein Möwenschrei tönt von der Bay. Wir stehen über dem Tal und sehen Richtung Atlantik, in dem sich die Mittagssonne spiegelt und genießen mit allen Sinnen.

Die kleinen Orte Maghery und Meenacross liegen auf einer Halbinsel unterhalb von Dunglow. Umgeben von Bergen und Atlantik, sind sie mit das Schönste, was wir hier quasi vor der Haustür finden. Strand und Felsen, das macht Irland für uns so interessant. Dieser nahtlose Übergang vom Meer in die Berge ist das, was uns in Deutschland zu weit auseinander liegt. Hier haben wir von allem etwas. Den Iren an der Westküste ist das alles relativ egal, sie haben es ja jeden Tag und natürlich auch die Unbilden, die all die Extreme so mit sich bringen. Stürme, Fluten, oder auch die kleinen Straßen, die sich zwangsläufig durch die Berglandschaften schlängeln müssen und auf welchen man sich täglich arrangieren muß, um aneinander vorbeifahren zu können, ohne Schaden zu nehmen. Unser Urlaubshirn empfindet all das als schön und wir wollen das auch nicht anders. Wir müssen noch früh genug zurück in die deutsche Ordnung.

Mit der Autofähre setzen wir über zu den Aran Islands. Diesmal sind wir zu Fuß unterwegs und wollen die Hauptinsel wandernd erkunden. Es ist Nachsaison und alles, was einen Kaffee hätte anbieten können, ist geschlossen ... Koffeinfrei ziehen wir los. Ein Prospekt zeigt uns zur Orientierung die Sehenswürdigkeiten der Insel. Wir finden einen Leuchtturm, ein Schlachtfeld aus dem 14. Jhdt. und eine Gedenkstätte für im Sturm ertrunkene Seeleute. Es geht ständig bergauf und bergab, wir verwandern uns, schnaufen nach zwei Stunden zum Strand und finden einen Friedhof mit Blick auf den Atlantik und das in der Ferne liegende Festland. Die Insel ist schön, die Einheimischen leben hier einsam und ruhig, müssen allerdings das Lebensnotwendigste, von Burtonport herüber holen oder mit der Fähre liefern lassen. Das macht alles etwas komplizierter und auch teurer, aber wirklich weg will hier keiner. Nur wir entscheiden uns für die Rückfahrt. Es drizzelt und es ist Zeit für eine warme Mahlzeit. Der Körper schreit nach Kaffee. Sch... Gewohnheit.
Zurück in Burtonport sind wir zum Lunch die einzigen Gäste im „Lobster Pot“. Wir ordern „Surf ´n´ Turf“ und sind ehrlich überrascht. Serviert wird je ein riesiges, noch brutzelndes Steak in einer Gußeisenform in Begleitung von 6 Big-Tigerprawns, die augenscheinlich nicht aus der Tiefkühltruhe kommen und gegrillten „Crab Claws“. Dazu werden „Mashed Potatoes“ und „Garlic-Chips“ gereicht, an einem vorgewärmten Teller mit knackigen, mediterranen Gemüsen. Von wegen, die Iren haben keine vernünftige Küche. Gerade entdecken sie ihr „Country Food“ wieder neu und wir sind ausgesprochen dankbar dafür !

Der „Glenveagh Nationalpark“ mit seinen „Glendowan Mountains“ ist unser nächstes Ziel. Baumlose, rostrote Hügel und felsige Berge, Wasserläufe überall und Nebel bis zum Boden, genau das erleben wir. Wir haben Ähnliches erwartet, aber der Nebel läßt nicht wirklich „tief“ blicken und so wird es einfach nur eine Cruising-Tour. Auch schön.
Da am Ausgang des Nationalparks Letterkenny liegt, eine der größeren Städte im County Donegal, beschließen wir kurzfristig einen Abstecher und machen aus dem Parkausflug einen Shopping-Tag. Geschenke für die Lieben zu Hause müssen sowieso besorgt werden, also rein in´s Getümmel und die Brieftasche geleert.

„Gweedore“ heißt die Region oberhalb von „The Rosses“, wo Burtonport liegt. Aber zuerst biegen wir rechts ab und bestaunen im Nationalpark den „Errigal“, einen Berg, der von beinahe überall im County zu sehen ist, egal, wo man sich gerade befindet. Er hat eine Wolkenfront eingefangen und hält sie in seinen Tälern fest und es sieht aus, als würde sich ein riesiger Wasserfall langsam in die Tiefe stürzen. Ein wundervolles Bild. Mein Bild für diesen Urlaub !
Gweedore ist stark besiedeld, stärker als andere Gegenden im Nordwesten. Das reduziert die „schönen“ Orte auf den Küstenbereich. Hier finden wir wieder kleinere Sandstrände und Klippen, Grashügel, Atlantik und Wind. Im Nebel sichten wir Tory Island. Dort lebt der König von Tory, oder von Irland !? So richtig haben wir das nicht verstanden. Macht nix, tolle Anekdote. Die Insel liegt 14 Km vom Festland entfernt und ist nur per Fähre erreichbar. Ist Irland als Inselstaat eigentlich auch Festland für seine Inseln, oder Insel der Inseln ? Jedenfalls kann die Fähre wegen ungünstiger Strömungen nicht immer nach Plan fahren, was für die Torys bedeutet, daß sie auf manche Annehmlichkeit verzichten müssen und deshalb gehört Improvisation zu ihren Stärken. Kommt uns bekannt vor, die DDR läßt grüßen. Die Regierung wollte sie schon mehrfach von der Insel siedeln, aber die Torys weigern sich; das ist ihr zu Hause und basta. Darum haben sie, glaube ich, auch einen König. Der vertritt sie offiziell gegen die Obrigkeit, oder so ähnlich ...

Die oben erwähnten „The Rosses“ liegen hinter unserem Ferienhaus und eigentlich rundherum und es dauerte ein paar Tage, bis wir registrierten, daß es „hinten“ auch schön ist. Wunderschön sogar. Wagenbreite, schmale Wege führen uns vorbei an, in die Landschaft geduckten Cottages, welche versteckt zwischen den ockergrünen Hügeln, an kleinen, blauen Loughs liegen, inmitten von bodendeckenden Zwergkiefern, die gebeugt vom steten Westwind, undurchdringlich mit allem verwachsen scheinen. Die Sonne strahlt an diesem Oktobermorgen von einem herrlich türkisfarbenen Himmel und läßt diese herbe Landschaft friedlich und weich erscheinen.

Der letzte Tag vor der Abreise.
Was soll ich sagen, mir fehlen die Worte und schon wieder habe ich Tränen in den Augen, wenn ich nur daran zurückdenke. Die Zeit ist verflogen, schnell wie nie zuvor und wir haben das Gefühl, nicht genug erlebt zu haben. Eine gute Voraussetzung, um in den Westen Irlands zurückzukommen !

Wir cruisen an einen Strand, den wir noch nicht besucht haben. Der Morgen ist in ein goldfarbenes Licht getaucht, dieser Oktober hat uns wirklich überrascht und auch zufriedengestellt. Die Tide ist niedrig und wir können dort entlang spazieren, wo sonst die Brandung tost. Wir steigen auf Hügel und genießen den freien Blick über Klippen und Buchten in die Ferne. Maria, die sonst kaum höhentauglich ist, „klettert“ wagemutig über „Abgründen“. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, bin dicht hinter ihr, aber ohne sie zu stören; sie will den „Kick“, sie will nochmal einen draufsetzen. Auf dem höchsten Hügel stehen wir und weinen leise, nehmen uns in die Arme und schwören uns: Wir kommen wieder, wie der Golfstrom und der Regen ...

Abreise. Das böse Wort.
Und als ob es damit nicht genug ist, lassen uns die Vermieter, trotz Verabredung für heute, im Regen stehen. Es ist Donnerstag und sie dachten, wie sich später herausstellen wird, wir reisen regulär am Samstag ab. Wir warten eine dreiviertel Stunde, geben den Schlüssel an den ansässigen Nachbarn, der kennt die Vermieter und fahren "leicht" gestreßt in Richtung Dublin, wo der Flieger auf uns wartet, um uns zurück in den Alltag zu bringen ...

Fortführung ...

 * irisch = Irland für immer

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