2006

Irland, Februar 2006 - Westcoast Connemara

8 Tage Connemara

Sehnsucht. Ein anderes Wort erklärt nicht die Pein, wenn der Alltag einen wieder hat. Die ersten Tage nach der Rückkehr, waren wie die Trennung von einem heiß geliebten Menschen. Das Herz tat weh und immer, wenn wir von Irland sprachen, hatten wir einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Was für Weicheier, höre ich jetzt die Schauspieler tönen, die ihre Emotionen ein Leben lang in die Tiefen ihrer Seelen verbannen und nicht wirklich erfahren wollen oder können, was ehrliche Gefühle sind. Irland hat in uns ein paar Krusten aufgebrochen und uns gezeigt, wie schön es ist, zu fühlen und sich zu bekennen. Das Herz klopft noch immer, die Augen werden feucht und die Bilder im Kopf sind wie für die Ewigkeit auf die „Platte“ gebrannt. Eines ist ganz sicher:

Wir kehren wieder, wie der Golfstrom und der Regen.

Irland kennen die wenigsten Deutschen wirklich. Die meisten verbinden mit diesem Land nur den Terror, den man aus den Nachrichten kennt, wenn es um Nordirland geht. Die Wahrheit wird hier selten hinterfragt. Das Irland bis in das letzte Jahrhundert eine der ärmsten, unterdrücktesten Kolonien Englands war, weiß hierzulande kaum jemand. Ich muß zugeben, daß auch ich mich erst ein halbes Jahr vor Antritt der Reise mit diesem Land beschäftigt hatte und auch nach unserer Reise noch riesige Wissenslücken habe. Was kann man in 8 Tagen erfahren ? Ich war nicht wenig erstaunt, über das, was sich mir da offenbarte.

Gott hat die Zeit gemacht und davon mehr als genug. So heißt es in Irland. Dazu paßt, angenehm auffällig, die Freundlichkeit der Menschen, mit denen man zu tun bekommt, wenn man z.B. Reisevorbereitungen trifft. Wie z.B. Frau Vogel von 12Travel, nicht die Vorzeige-Irin, weil Deutsche, aber in Irland ansässig und besser informiert, als mancher Einheimische. Auch die unkomplizierte Handhabung jeglichen Problems wirkt angenehm unbelastend, es findet sich für alles eine Lösung. Natürlich konnte ich, in Begleitung meines lieben Eheweibes, entsprechende Erfahrungen unmittelbar vor Ort machen, das war ja schließlich Sinn und Zweck unserer Reise.

„How are you“ ist die am meisten gebräuchlichste Begrüßungsformel in Irland, jedenfalls im Westen. Man antwortet darauf relativ ungezwungen etwa: „Thanks, a lot“, oder „Thanks, a million” und erntet damit schon ein erstes, freundliches Lächeln. Nicht wegen der vermeintlich profunden Sprachkenntnis, sondern wohl eher wegen der Aussprache, die mit dem gelernten Schulenglisch, oder dem Englisch der Briten wenig gemein hat. Es ist ein sehr rundes, wohlklingendes Englisch, ich habe es mit dem Plattdeutsch der Ostfriesen verglichen, weil es für mich die gleiche Ruhe und kernige Gemütlichkeit ausstrahlt.

Irisch, also Gälisch, welches die erste Amtssprache ist, sollte man sich, selbst mit einem gesunden Halbwissen tunlichst verkneifen. Das wird zwar landesweit in den Schulen gelehrt, aber von Ort zu Ort, ja sogar von Haus zu Haus, jeweils anders ausgesprochen. „Slan“, was etwa „Auf Wiedersehen“ heißt, ist uns in mindestens zehn Variationen begegnet. Und das „nur“ in der Gaeltacht in der Connemara, wo nachweislich mehr irisch gesprochen wird, als im Rest des Landes. Ansonsten verständigt man sich in der Regel auf englisch, schon mit ein paar Vokabeln kommt man ganz gut zurecht.

Das in Irland jemand deutsch spricht, darf man nicht erwarten, obwohl die meisten Iren als deutschfreundlich einzustufen sind. Das spürt man vor allem, wenn es um den geliebten Fußball geht. In jedem Pup, selbst in den ärmlichsten Gebieten, hängt zur allgemeinen Unterhaltung ein mehr oder weniger großer LED- oder Plasmabildschirm. Das ein Spiel läuft, hört man sofort, wenn man die Bar betritt. Gibt es gerade kein Fußballspiel, sieht man etwa eine Serie oder Nachrichten, fast immer ohne Ton. Kommt man dann mit Gästen ins Gespräch, „Where you come from ?“, „Ah, Germany !“, wird man meist auf Klinsmann & Co. angesprochen.

Aber auch deutsche Politik wird mit Interesse verfolgt. Man kann sich zwar keinen Reim auf die neue Kanzlerin machen, das können auch wir Deutsche kaum, aber es zeigt, daß die Iren nicht hinter dem Mond leben. Das bekommt man als volle Breitseite, wenn man sich ein wenig mit der irischen Wirtschaft befaßt. Außer Norwegen, ist Irland im Moment das einzige Land in Europa, welches schwarze Zahlen schreibt. Und das mit Produktionen, die ich persönlich in Irland nicht vermutet hätte. Dieses scheinbar, unscheinbare Land mit kaum 4 Millionen Einwohnern, gerade mal soviel, wie Berlin hat, ist Marktführer beim Export von Computern, Software und Kommunikationstechnik. Von wegen nur Schafe, Kühe, Guinness und Whiskey, nein, still und leise, Hightech vom Feinsten und das alles ziemlich stabil wachsend. Wenn wir typisch deutsch jammern: “Früher war alles besser“, kann es für Irland im Moment nur aufwärts gehen. Eine „bessere“ Vergangenheit hat es für die Iren nie gegeben. Im Gegenteil, die schlechte Wirtschaft war immer schon einer der Hauptgründe, warum von vier geborenen Kindern, drei ihr zu Hause verließen, um weltweit ihr Glück zu suchen.

Seltsamerweise hält diese Auswanderungswelle noch heute an, als wenn es mittlerweile genetisch bedingt wäre, die irische Heimat zu verlassen. Das versteht man aber andeutungsweise, wenn man in die Connemara kommt und sieht, wie die Menschen dort noch immer leben. Fast alles wird mit dem Auto erledigt, denn bei der Lage der einzelnen Farmen und Höfe, ist es unmöglich, auch nur einen einzigen Schritt zu Fuß zu gehen. Das bringt Mühsal und Beschwerlichkeiten mit sich, die die jungen Menschen kaum auf sich nehmen wollen. Viele Farmen im Westen geben zudem nicht mehr her, als was schon produktiv machbar wäre, einfach bedingt durch die typischen steinigen Böden. Also ist auch Expansion kaum möglich und wir sahen, auch als Folge dessen, vor allem in ländlichen Gegenden, das Schild mit der Aufschrift „For Sale“ an unzähligen Häusern und Grundstücken.

Anders in den etwas größeren Ortschaften, wie etwa Clifden oder Roundstone. Was im Februar so ruhig und beschaulich daherkommt und ein Gefühl von „Peacefull“ und Ursprünglichkeit vermittelt, entpuppt sich in der Hauptsaison als handfeste „Tourismus-Professionalität“, welche aber so sanft auf Schafwollsocken unterwegs ist, das man immer das Gefühl hat, Erster zu sein und Regenbögen und Sonnenuntergänge gehören einem ganz allein. Sagte man uns allerorten. Trotzdem, echte Profis, was den Tourismus angeht, sind die Iren leider noch nicht und ich wünsche mir zwar persönlich, daß das noch eine Weile so bleibt, aber es sieht nicht gerade einladend aus, wenn man dem Ansturm der Touris an den „Cliffs of Moher“ nicht wirklich Herr wird und die mit Bussen herangekarrten Massen sich rund um das Besucherzentrum, die irische Gastfreundschaft mißachtend, auskotzen, in die freie Natur pinkeln und ihre verdammten Getränkedosen über die Klippen entsorgen. Aber die Iren lernen mit irischer Gelassenheit auch den Umgang mit kontinentalem Abschaum und auch, daß ihnen ihre Heimat selber mehr ans irische Herz wachsen muß. Man versteht, daß sie sich an diesem steinigen Land über Jahrhunderte geschunden und gequält haben und plötzlich sollen sie es vor aller Welt in den höchsten Tönen loben und gar achten und keinen Müll in die Connemara schmeißen. Aber es wird, es wird, man kann es sehen.

In Roundstone, einem Fischerort direkt an der Westküste der Connemara, hat uns der Bürgermeister, ein gestandener Ire um die 60, der dort zugleich Taxi fährt, weil die jungen Leute fehlen, genau davon überzeugt. Unserem Wunsch, auf der nächtlichen Rückfahrt zur Cashel-Bay, an einem stillen Ort zu halten, um den Sternenhimmel zu bewundern, kam er mit Freuden nach. Seine unverhohlene Begeisterung: „Great“, und: „Wow“, und: „Wonderfull“, teilte unsere Überraschung, denn zum ersten Mal, seit Kindertagen, sahen wir die Milchstraße, wie Pailetten in einem schwarzen Unterrock, zum Anfassen nahe. Das Firmament wölbte sich über uns, wie eine schützende Decke und der Orion hatte nicht nur sieben Sterne, sondern sieben Milliarden und man streckte unwillkürlich die Hand aus, um sie zu berühren. Die Plejaden wirkten wie eine riesige, diamantene Brosche. Wie oft habe ich sie in Deutschland vergeblich gesucht und hier flitterte sie in einem endlosen Haufen Sternentand. So sieht man unsere Galaxie in Berlin nie, denn mit immensem Lichtsmog tötet die Stadt jegliche Sternen-Romantik. Selbst wenn man weit ins Brandenburger Land hinausfährt, stört eine riesige, leuchtende Kuppel den ungehinderten Blick in den nächtlichen Sternenhimmel. Der irische Bürgermeister jedenfalls tat sich keinen Zwang an, er war glücklich in seiner Heimat. Das war mit Abstand eines der schönsten Erlebnisse in unserem Leben.

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Die Menschen im Westen vermittelten uns durchweg den Eindruck von Ruhe und Zufriedenheit. Nun sind wir wohl kaum in der Lage, die Lebensumstände der Iren wirklich beurteilen zu können, dazu kommt das Hochgefühl, welches jedem Urlauber den Blick verklärt. Aber wir mußten uns Freundlichkeit und Offenheit nicht einreden, wir konnten sie dankbar spüren und waren stets eingeladen, sie zu teilen. Wie in den Pubs von Clifden, Cleggan oder ebend Roundstones O´DOWD´S, wo wir sofort Kontakt hatten und nach kaum einer halben Stunde mit allen Einheimischen redeten, tranken und scherzten. Hier war sie, die viel gepriesene Gastfreundschaft der Iren. Handfest und solide, offen und ehrlich, neugierig und liebenswert indiskret. Wir haben uns nie so wohl gefühlt. So fanden wir uns am nächsten Vormittag zu Tee und Kaffee wieder ein, hier machte ich „mein Foto“, allein an der Hafenmauer, umgeben von blauem Himmel, Atlantik, Möwen, Palmen und Bergen, liebkost von einem lauen Lüftchen und wieder eingekehrt zum Dinner, Haddock frisch vom Kutter aus der Pfanne mit Riesen-Chips, saßen wir auf den selben Plätzen. Familienfotos machten die Runde, Guinness, Whiskey und Witze begleiteten sie. Die Menschen akzeptierten uns und ließen uns das spüren. Was kann man in acht Tagen Urlaub in einem „fremden“ Land mehr erwarten.

Linksverkehr. Das schreibt sich so einfach und wird wesentlich komplizierter, wenn man es nach 25 Jahren Fahrpraxis in Deutschland, zum erstenmal tut. Ich will nicht übertreiben, am Ende war es nach etwas Übung nicht so problematisch, wie es sich anfänglich anhörte. Aber ein paar Besonderheiten gaben mir doch zu denken. Die Iren sind offensichtlich gefordert, für sich selbst verantwortlich zu sein. Das mutet erstmal seltsam an, klärt sich aber, wenn man bedenkt, mit wievielen Verkehrsschildern der Deutsche reglementiert wird, um ordentlich am Straßenverkehr teilnehmen zu können. Nichts dergleichen in Irland. In Ballungszentren, wie Dublin oder Galway, trifft man vermehrt auch auf Schilder- oder Ampelregelungen. Die halten sich aber, im Vergleich zu Deutschland, in gefälligen Maßen. Man fühlt sich nicht überfordert oder bevormundet. Gerade die anfangs so gefährlich anmutenden Kreisverkehre durchfährt man in schlichter Ruhe und Ordnung, indem man einfach konzentriert am fließenden Verkehr teilnimmt. Verpaßt man bei der Sternfahrt die richtige Ausfahrt, dreht man halt noch eine Runde, man hat ja im Kreis sowieso die Vorfahrt. Ist mir allerdings nie passiert, wie gesagt, alles läuft ohne Hektik und Streß. Selbst im Berufsverkehr z.B. rund um Galway gab es keinen nennenswerten Stau. Auch Unfälle haben wir nie gesehen und die „Garda“, die irische Polizei, ist uns nur zweimal von weitem begegnet.

Manchmal wünschten wir uns aber doch etwas mehr Ausschilderung, vor allem an Ortseinfahrten. Da reichte anscheinend oft ein Felsen, dem man den Namen des Ortes eingemeißelt hatte. Das schildverwöhnte deutsche Auge ignorierte solche Anzeigen aber regelmäßig, vor allem Nachts oder bei Regen. Sah man dann doch mal ein Schild mit einem Ortsnamen, ging die Rätselei los, denn in der Gaeltacht spricht und vor allem schreibt man gälisch, noch ohne Rücksicht auf Besucher. Englische Erklärungen oder Ortsnamen sucht man daher vergebens. Wir hatten aber gute Karten und meist leitete uns unser Bauchgefühl in die richtige Richtung. Abenteuerurlaub.

Die zweite Besonderheit hat es durchaus in sich und scheinbar haben auch die Iren damit ihre Probleme, die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Nun ist nicht jede Straße in Irland ein gut ausgebauter Highway, aber selbst auf kleinen Land- und Nebenstraßen, bei deren Zustand man unwillkürlich an alte, ostdeutsche Landstraßen erinnert wird, darf man 100 kmh fahren. Darf man, muß man aber nicht. Das damit auch mancher Ire überfordert ist, dokumentieren hölzerne, mit frischen Blumen geschmückte Kreuze an vielen Straßenrändern. Es gibt zwar wenige Fußgänger oder Radfahrer, aber an Straßen ohne Randstreifen und Häusern deren Türen und Tore sich unmittelbar zum Asphalt hin öffnen, ist die Gefahr doch recht groß, von einem Fahrzeug überrollt zu werden. Dazu muß es nicht einmal hundert fahren.

„Und fahren sie mir ja kein Schaf tot !“ So erklärte mir die Mietwagen anbietende Dame von „Avis“ am Flughafen Dublin die Situation auf irischen Straßen. Ich sei gegen alles Übel versichert, aber wenn ich einem ihrer Wollträger an dieselbe fahren würde, träfe mich die Strafe ihres irischen Nationalheiligen, St. Patrick. Nein, im Ernst, überall im Westen trifft man auf Schafe, die mit bunten Farbtupfen auf dem Rücken die Landschaft vom Strand bis auf die Bergspitzen bevölkern. In der Regel stehen sie kauend am Straßenrand und ignorieren den vorbeifließenden Verkehr. Drosselt man aber die Geschwindigkeit, hat man den Eindruck, die Schafe würden sich bedroht fühlen. Sie rotten sich augenblicklich zusammen, blockieren die Fahrbahn und versuchen in wilder Panik die Hänge oder Abgründe links und rechts der Straße zu erklimmen. Dabei wollte ich doch nur ein Foto machen. Jetzt habe ich ein ziemlich schlechtes Gewissen.

Schaf und Rind, Fisch und Meeresfrüchte, in Irland mehr als lecker. Das muß man neidlos anerkennen. So gutes Fleisch, so frischen Fisch und die „Prawns“ so knackig und saftig, hier hat Irland ein schier unglaubliches Potential, um Feinschmecker und Schlemmer zu verwöhnen, zumal man gerade die alte irische „Country-Küche" wieder entdeckt. Wenn man in Irland eine Fleischerei betritt, überrascht einen sofort die saubere und ansprechende Auslage. Das kennt man in Deutschland fast nur noch von türkischen Gemüseständen. Das gut sortierte Rindfleisch erinnert in Farbe und Konsistenz an Wildfleisch und wäre Grillsaison gewesen, wir hätten uns auf der Stelle mit Lammfleisch aller Art eingedeckt. Frische Wurst, wie Bierschinken, Wiener oder Salami, sucht man in Irland vergeblich, die gibt es nur als leckere „schweinische“ Beilage zum berühmten irischen Frühstück, „Irish Fry“. Ansonsten findet man abgepackten Schinken, Salami oder ähnliches in Supermärkten, welche von den Einheimischen aus gutem Grund eher gemieden werden. In Clifden hatten wir in so einem Markt den Eindruck, in einer Leichenhalle zu sein. Außer der Kassiererin war kein Mensch in dem Laden. Das dieses ein länger anhaltender Zustand sein mußte, sahen wir an der „Suppe“ in den ausgelegten Wurstpackungen. In den kleinen Läden wie „Butcher“ und „Bakery“, standen die Iren aber Schlange nach gutem Fleisch und frischem Brot. Wir hatten den Eindruck, der Ire steht wirklich ehrlich zu seinen „Tante Emma Läden“ und ignoriert den Massenkonsum. Soviel nationales Bewußtsein wünschten wir uns manchmal auch für Deutschland. Aber das hat man uns aus gutem Grund jahrzehntelang „ausgeprügelt“ und jetzt fehlt es uns zu einer neuen, gesunden Identifikation. Man möchte oft eher Ire sein, denn hier ist Geiz nicht geil !

Zu gutem Essen gehört natürlich ein guter Trank. Ein Weinland ist Irland nicht gerade, da orientiert man sich eher in Richtung Frankreich. Aber hat man nicht eine alte, wenn nicht die älteste Bier- und Destillationskultur überhaupt ? Na klar, jedenfalls die Iren sind davon überzeugt und wir hatten nach kurzer Zeit einen ähnlich guten Eindruck und durchaus erkennbare Anfänge von Abhängigkeiten. Nun sind wir nicht gerade Bierexperten, ebensowenig können wir uns als Weinkenner outen, aber wir trinken immer das, was uns schmeckt. Das setzte immer Probieren voraus und so haben wir uns über Jahrzehnte einen kultivierten Standard „ertrunken“, der natürlich Raum läßt für neue Erfahrungen. Guinness war so eine neue Erfahrung. Das kann man mit deutschem Bier nicht vergleichen. Solch süffige Schwermut, die doch Leichtigkeit ohne Kopfschmerzen erzeugt, würziger und voller als unser Bockbier. Jetzt gilt es, in Berlin entsprechende Quellen ausfindig zu machen. Wichtig auch für Frühstücks-Würstchen und Cranberry-Juice und was echter, irischer Whiskey ist, der sich nur hier in Irland mit einem „e“ schreiben darf, das kann man an Deutschlands begrenztem Sortiment nicht ermessen. Whiskey war übrigens ebenfalls eine großartige, neue Erfahrung. Ich habe mal gelernt, daß Whiskey nur „altes Bier“ ist, zumindest die Grundstoffe sind sich ähnlich. Aber was man hier z.B. an „Jameson“ in großer Auswahl trinken kann, zeigt uns, daß wir mit Gaumenherausforderungen noch ganz am Anfang stehen. Wir werden unseren Standard unbedingt erweitern müssen. Zu Recht hat der irische Whiskey diesen guten Ruf in aller Welt, sagen sie doch von sich selbst, daß sie ihn erfunden hätten, die Iren. Und die Schotten ? Ach ja, die Schotten, die üben noch. So sagen die Iren.

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Die irische Hochzeit. Wer in Irland romantisch heiraten will, oder vielleicht nur seine Beziehung neu beschwört, wird am Claddagh-Ring nicht vorbeikommen. Zwei Hände halten ein Herz, das mit einer Krone verziert ist. Dieser Ring des jungen Mannes, welcher im Mittelalter aus dem Fischerdorf Claddagh, das ist heute ein Ortsteil von Galway, von Sarazenen entführt wurde und bei ihnen den Beruf des Goldschmiedes erlernte. Aus Sehnsucht schuf er ihn und als ihm später die Flucht gelang, schenkte er diesen Ring seiner Liebsten in Irland, welche so lange Jahre auf ihn gewartet hatte. Ein Riesen-Marketing-Hit könnte man meinen, wenn man den Ring sieht. „Wie aus dem Kaugummiautomaten“, so die offenherzige Meinung unserer Schwiegertochter in Spe. Und doch umgibt ihn, vor allem wegen der Legende, die sich um ihn rankt, ein mehr als romantischer Schein. Ist man doch sowieso schon in einer Stimmung, die nicht von dieser Welt scheint. Man kommt verliebt nach Irland und verfällt noch dazu diesem Land ohne Gegenwehr mit Leib, Herz und Seele, da paßt der Ring, egal wie kitschig er aussehen mag, wie ein Schlüssel ins Beziehungsschloß. Jedenfalls ging es uns so, als wir in Clifden Silberringe kauften. Wir fühlten uns, als wir uns die Ringe gegenseitig ansteckten, nach 32 Jahren Ehe und vier Kindern, wie frisch getraut. Ach ja, die Legende gibt dem Ring auch Regeln zum Tragen desselben. Verheiratete tragen ihn am Ringfinger der linken Hand, mit der Krone nach vorn. Krone nach hinten bedeutet, man ist verlobt. Trägt man den Ring rechts, mit der Krone nach vorn, so ist man bereits vergeben und wenn rechts das Krönchen nach hinten weist, dann ist man noch zu haben. Einfacher ging es nicht, zu Zeiten, als man die jungen Frauen noch nicht so einfach ansprechen durfte. Angeblich heiratet heute jeder zweite Ire mit diesem legendären Zeichen der Liebe und Freundschaft, aber wie gesagt, das ist vielleicht schon die nächste Legende um den Claddagh-Ring. Aber immerhin die schönste, die wir kennen.

Ruhe. Ein simples Wort, ein genialer Zustand. Bei all unseren Aktivitäten, bemerkten wir kaum ihre angenehme Seite und das Gleichmaß von viel Zeit um uns. Wir waren, wie aktive Urlauber halt so sind, meist in Bewegung und registrierten am Tag kaum die friedlichen Stimmungen. „Peacefull“ sagt der Ire und das trifft es ausnahmsweise besser, als das deutsche Wort. Da war das morgentliche Lied eines unbekannten, gefiederten Sängers im Hotelgarten, das Rauschen des Atlantik, die Stille der Connemara oder die, weil erst Februar, meist streßfreien Orte, die wir besuchten. All das wurde uns erst richtig bewußt, als wir am Rückreisetag im Airport-Hotel in Dublin zu Abend essen wollten. In der Dinner-Bar dudelte unnatürlich laut ein Radio, die Gäste brüllten sich deswegen an, die Kellner brüllten zurück und alle hielten das scheinbar für normal. Es war sicherlich nicht viel lauter, als vor unserem Urlaub, aber wir hatten uns in den 8 Tagen, so unglaublich es klingen mag, die Zivilisation abgewöhnt. Jedenfalls, was Lärm und Lichtsmog angeht … und Menschenmassen ... und Stadtverkehr ... und Einkaufsstreß ... und Hektik ... und Fastfood ... und und und ... .

Omey Island, Land unter dem Regenbogen. Die Insel im Nordwesten der Connemara ist, mal abgesehen von der herrlichen Lage, insofern erwähnenswert, als das die Einheimischen während der Ebbe, mit dem Auto vom Festland zur Insel fahren. Das klingt nicht sonderlich spektakulär, aber wenn man es ihnen gleichtut, merkt man, daß es unter Umständen ein ziemlich abenteuerlicher Ausflug werden kann. Wenn die Wasser des Atlantik sich etwa zur Mittagszeit am weitesten zurückgezogen haben, liegt ein ungefähr 500 Meter breiter Sandstreifen zwischen Festland und Insel offen vor dem Betrachter. Man hat den Eindruck, vor einem riesigen Strand ohne Wasser zu stehen. Auf Omey Island befinden sich ein Friedhof und einige, durch die berühmten aufgeschichteten Steinwälle, voneinander getrennte Grundstücke, auf denen friedliches Steak- und Wollvieh weidet. Die Einheimischen müssen sich täglich zur Mittagszeit um Friedhof, Tiere und Weiden kümmern, deshalb entern sie ihre Traktoren und andere Fahrzeuge und ziehen im Gänsemarsch gen Insel. Das gefährliche ist der trügerische Sand, der, von Wasser unterspült und Krabben durchlöchert, nicht gerade einen sicheren Fahruntergrund liefert. Weit auseinandergezogen und langsamer als Schritttempo, bewegt sich die Formation zur Insel und spätestens ein, zwei Stunden später wieder zurück zum Festland. Allein loszufahren, würde wahrscheinlich bedeuten, wenn man im feuchten Sand einbricht und stecken bleibt, kann einem nicht geholfen werden und man muß sein Fahrzeug an den Atlantik abschreiben. Natürlich haben wir uns eingereiht. Mit einem mehr als nur mulmigen Gefühl in der Magengegend erreichten wir die Insel, fuhren ca. 15 Minuten auf abenteuerlich, welliger Grasnarbe zur westlichsten Spitze und zwischen uns und New York war nur noch das Meer. Auf der Rückfahrt grüßte uns dann ein zarter Regenbogen zum glücklichen Abschluß der Unternehmung und wir verstanden das Sprichwort der Iren: „Unter jedem Ende eines Regenbogens liegt ein Schatz !“. Wir hatten ihn gefunden, diesen riesigen Schatz “Irland“.

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In Cleggan steht ein Steinkreuz in der Nähe des Hafens und eine Gedenktafel an der Kaimauer erinnert an die „Star of Sea“, die 1927, unter ihrem Kapitän, Ruben Bulmer, in einer riesigen Springflut unterging und mit ihr alle Mitglieder ihrer Besatzung. Bekannt vermarktet übrigens, in dem Hollywood-Film, „Der Sturm“. Tatsächlich gibt es nördlich Irlands eine Verwerfung am Boden des Atlantik, die sich bis nach Norwegen hinzieht und ähnliche Aktivitäten entwickeln kann, wie das Erdbeben, welches zu Weihnachten 2004, in Asien diesen schweren Tsunami ausgelöst hat. Wir meinen immer, alles wäre so fern von uns, weil es meistens „die Anderen“ trifft und doch kann es uns jederzeit selber betreffen. Die Erde zuckt ein bißchen und die Amöbe Mensch verliert.

Cleggan hat einen kleinen Hafen, von dem eine Fähre zur Insel Inishbofin pendelt. Typisch bunte Häuser mit riesigen Kaminen aus Naturstein, sowie “Olivers“ Seafood-Bar prägen den Ortskern. Die frischesten Prawns im Cocktail und herrlich in der Pfanne gebratenes Schellfischfilet förderten die Zuneigung zu diesem Hafenstädtchen. Außerhalb des Ortes, in Richtung Streamstown Bay, sahen wir dann, wie Land entwässert und Torf gewonnen wird. Eine sinnmachende Methode des Heizens, in einem Land, welches sich mit nur wenigen Bäumen schmückt. Riecht auch irgendwie anders, irischer, romantischer. Hier kam es auch zu der denkwürdigen Begegnung mit den wolligen Straßensperren, die sich, wie bereits erwähnt, am fließenden Verkehr nicht stören, aber auf fotowütige Touristen, die am Straßenrand halten, ziemlich allergisch mit Massenflucht reagieren. Sorry, ich hoffe, der ungewollt verursachte Streß hat die vorzügliche Fleischqualität der leckeren „Chops“-Lieferanten nicht beeinträchtigt.

Irish Stew, das Nationalgericht der Iren, aßen wir in Letterfrack. Maria nannte es scherzhaft Letterfrog, wegen der regional so unterschiedlichen Aussprachen. An einer Kreuzung mitten im Ort befindet sich an jeder der vier Ecken ein Pub. Da hatte man die Qual der Wahl. Es war Mittagszeit und wir entschieden uns für ein Restaurant, dessen Personal optimistisch schon ein paar Tische vor die Tür gestellt hatte, um Lunchgäste anzulocken, die sich nicht scheuten, die ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Wir entschieden uns für den Innenraum, es war Februar und assoziativ bedeutet das für uns Deutsche, es ist Winter. In einem Kamin loderte, wie zur Bestätigung, ein Torffeuer, umgeben von kupfernen Töpfen, einer hölzernen Schulbank und Geschirr. Die Wand hinter dem Ofen glänzte von Ruß geschwärzt und der ganze Raum roch nach Vorabend, nach Guinness, Schweiß, Musik und ... Rauch ? Nein, geraucht werden darf in Irlands Kneipen nicht mehr, eine sehr, sehr positive Erfahrung. Sehr positiv ! Der Raum war leer und wir nahmen gegenüber vom Kamin an einem rohen Holztisch Platz. Dem Tisch sah man an, daß er schon Generationen von Glasböden und Trinkerköpfen gesehen haben muß. So urig, etwas schmuddelig, aber ausgesprochen freundlich, war auch die Wirtin, die uns das Irish Stew empfahl. Was ist es, das uns im Urlaub so entspannt kulant werden läßt und uns mit einer rosaroten Brille ausstattet ? Genau, die Freundlichkeit dieser Menschen ! Deshalb kann uns in Deutschland ein designter Kellner mit grober Unfreundlichkeit auch nichts verkaufen.

Ein Eintopf vom Lamm mit Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren, mit nicht übermäßig viel Brühe, die aber kräftig und wohlschmeckend ist und ein paar extra Pellkartoffeln mit irischer Butter, mit denen man zum Schluß die restliche Brühe aufnimmt, das ist ein Nationalgericht, das dieser Insel wie kaum etwas anderes entspricht. Wie sonst erträgt man kalte Westwinde und eisige Dauerregen und was gibt einem Kraftreserven für den stürmischen Heimweg ? Mir schwant beim Essen, die Beziehung zu den Ostfriesen über die wikingischen Bakaluten, den einstigen Besiedlern Irlands, kommt nicht von ungefähr. Man höre sich doch nur einmal einen Vergleich zwischen friesischem Platt und irischem Englisch an.

Hier ein kleines, sinnfreies Beispiel auf „Platt“:

Ick shall wol jümmers n Boddel Rum achter de dör hebn, mittenmang de ol pot und pan, denn wenn de dwarg, de katt un de duuv sich liekers as de aap achtern klocken twee „moin moin“ seggn, hev ick en „Prost“ to antern, un en peip to smöken.

und in Englisch:

I shall always have a bottle of rum behind the door, among the old pot and pan, because when the dwarf, the cat and the dove - like the ape - say „moin moin“ after two o’clock, i have a „Prost!“ to answer, and a pipe to smoke.

Und der Tee ? Haben ihn wirklich die Engländer in Irland eingeführt ? Egal, als Teetrinker war ich absolut begeistert. Eine „Tea Time“, das hatte auch so etwas friesisches. Den Tag auf diese Weise ausklingen zu lassen, vor einem Torffeuer im Kamin, mit Blick auf die Cashel Bay in den Sonnenuntergang, ist das nicht kitschig schön ? So lieben wir Kitsch, vor allem, wenn er mit soviel Muße verbunden ist. Den Tag Revue passieren lassen, hochgestimmt zum Dinner gehen und es auch genießen, was für eine Instituition ! Ahh, Tea Time.

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„A Softday“. So nennen die Iren einen Tag, an dem es hin und wieder einen leichten Regenschauer gibt, die Sonnenlücken aber überwiegen und zigmal ein neuer Regenbogen in allen Farben des Lichtspektrums überrascht. Erstaunlicherweise gibt es in jedem Monat des Jahres die fast gleiche Regenmenge, statistisch gesehen. Nur verteilt sie sich immer anders. Während es in den Wintermonaten kräftiger und ausdauernder am Stück regnet, verteilt sich im Sommer das Naß über die ganzen 24 Stunden eines Tages. Schon im Februar erfuhren wir nur ein einziges Mal, nämlich am Anreisetag, einen Regen, von dem ich dachte, er schlägt durch die Frontscheibe des Autos. So hart klang er, wie Hagel. Dann kamen zwei Tage mit Nebel, Sprühregen und Wolkenlücken, also dem Klischee nach, typisch irisch. Doch für den Rest des Urlaubs bescherte uns der Golfstrom eine Wetterlage, die wir uns in Deutschland manchmal zu Ostern wünschten. Sonne pur, mit vielleicht 10 Minuten Nieselregen pro Tageshälfte und das bei ziemlich konstanten 12 Grad C.

Auf Grund dieser stabilen Golf-Wetterlage kam Irland zu seinem Beinamen, grüne Insel. Auch Blätter und Blüten halten sich nicht zurück. So sieht man Sommer wie Winter, Kühe, Schafe, Ziegen und Pferde auf den weitläufigen Weiden grasen. Nicht zu übersehen ist der Ginster, der hier erstaunlich hohe Hecken, ja, fast schon kleine Wäldchen bildet. Für das Auge gehört sein sattes Gelb unbedingt zu einem der bleibendsten Eindrücke von Irland. Seitdem die Engländer ihn im Mittelalter einschleppten, hat er sich ungehindert über Küstenstreifen und Berghänge ausgebreitet. Natürlich zum andauernden Ärger der Bauern und Viehzüchter. Kaum jemand läßt sich auf die Auseinandersetzung mit diesem schönen, aber furchtbar stacheligen Gewächs ein, selbst die Schafe verzichten auf den Verbiß und so kann er weiter seinen Siegeszug über die Insel fortsetzen. Was natürlich auch sein Gutes hat. Bietet er doch unzähligen Vögeln, Insekten und Kleinsäugern Nistplatz und Unterschlupf. Sie fühlen sich so sicher, das man ungewöhnlich nah an sie herangehen kann, ohne daß sie ein Fluchtverhalten an den Tag legen, wie wir es vom Kontinent kennen. Das liegt sicherlich auch an der spärlichen Besiedelung Irlands. Rotkehlchen sahen wir immer und überall und das ganz aus der Nähe. Ohne Teleobjektiv, konnte ich im Garten der Kylemore Abbey ein Rotkehlchen, das in einer Hecke sang, aus höchstens einem halben Meter Entfernung aufnehmen. Es fühlte sich nicht gestört und posierte trällernd vor meiner Kamera. Wie es sich für ein professionelles Model gehört. Natürlich habe ich mich nicht wie ein touristisches Trampeltier bewegt und das hat mir der Vogel auch gedankt. Ein ähnliches Erlebnis hatten wir auch in Roundstone, wo wir von einem Rotkehlchen, welches ein Haltestellenschild geentert hatte, ungeniert angesungen wurden. Auch im Garten des Hotels lebten und wirkten zahlreiche dieser gefiederten Künstler. Schon am Morgen wurden wir am offenen Fenster von ihrem Gesang begrüßt und in Verbindung mit dem Licht der aufgehenden Sonne über der Cashel Bay, hatte so der Tag, jedesmal einen wundervollen Anfang.

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Das fand dann seine Fortsetzung beim Frühstück, welches jeden Morgen vor einem riesigen Panoramafenster, mit Blick auf Garten und Bay, serviert wurde. In Deutschland kennt man z.B. Cranberrie-Juice kaum, deshalb weiß auch kaum ein Deutscher, was er da verpaßt. Gibt es doch kein Getränk, das ein Frühstück so angenehm begleitet. Nicht so säuerlich, wie Orangensaft und lange nicht so süß, wie die meisten anderen Säfte, dafür sehr fruchtig und belebend. Dazu gab es einen frisch zubereiteten Obstsalat, ohne die üblichen Mastbestandteile wie Banane oder die Masse Apfel als Füllstoff. Ausgewählte exotische Früchte, wie Papaya und Mango, auch Trockenfrüchte, wie Pflaumen und Aprikosen, die wunderbar zart, saftig und nicht geschwefelt waren, dazu ein Löffel frischer, irischer Joghurt, vereint mit einem feinen, süß-säuerlich ausgewogenen Honig-Nuß-Dressing, das war jedesmal eine wahre Geschmacksexplosion.

Um den Tag bis zum Nachmittag überstehen zu können, aßen wir fast immer das berühmte, mit Recht beliebte „Irish Fry“. Ein deftiges Country-House-Frühstück, welches nicht nur überaus lecker, sondern erstaunlich unbelastend und trotzdem lang anhaltend sättigend ist. Angerichtet wird es fast überall in Irland mit gebratenen Würstchen vom Schwein, saftigen Spiegeleiern, Speck und Pilzen aus der Pfanne, kleinen gerösteten Kartoffelküchlein und als irische Spezialität, Black und White Pudding, was nichts anderes ist, als Blut- und Leberwurst. Diese wird in dünnen Scheiben scharf gebraten und all das kommt auf einem riesigen Teller vor den erschrockenen Gast. Aber keine Angst, durch das kräftige Braten ist fast alles so gut wie frei von Fett. Dazu schmeckt es so vorzüglich, daß man garnicht anders kann, als alles aufzuessen. Es folgt kein Magendruck, im Gegenteil, man fühlt sich mit unbändiger Energie ausgestattet, was bei uns in der Regel bis zum frühen Nachmittag anhielt.

Erst dann kehrten wir in einen Pub ein, der „Seafood“ versprach und auch jedesmal hielt. Bevorzugt aßen wir meist den „Fisch des Tages“, fast immer „Haddock“, also Schellfisch, ein Verwandter des Kabeljau. Der wurde, filetiert, ganz leicht in Mehl gewälzt, abgeklopft und in einer sehr heißen Eisenpfanne, mit etwas irischer Butter, scharf auf der Haut angebraten. Bevor die Butter verbrennen konnte, war der Fisch, nach einmaligem Wenden, bereits gar. Außen kross und innen saftig, nur leicht mit Salz und Pfeffer gewürzt, wie wir es lieben. So erlebt in Roundstone und Cleggan. Im „Glinsk-House“ aßen wir einmal gemeinsam eine „Seafood-Platte“, die eigentlich für eine Person gedacht war. Hummerscheren, Krabbenfleisch, Lachs, Shrimps und Tintenfischchen wurden frisch und knackig angerichtet und ausreichend für fast drei Personen serviert. Dazu gab es, wie immer und überall, die riesigen „Chips“, die doppelt so dick, wie unsere Pommes, heiß, frisch und knusprig, zu fast jedem Gericht gereicht werden und ein Salat als Beilage durfte auch nicht fehlen. Wenn man dann anschließend wieder aktiv war, konnte man sich, bei Strandwanderungen und Streifzügen durch die Connemara, wieder Appetit machen auf das abendliche Dinner. Wir hatten nie das Gefühl, wir wären „überfressen“ oder faul. Wir glauben ehrlich, das hier die Motivation zur Leistung, aus der hohen Qualität der Produkte resultiert. Kein billiges Fleisch oder manipuliertes Gemüse, hier scheint es einen anderen Standard zu geben. Einen Besseren. Keinen Discounter, wie in Deutschland. Noch.

All das klingt verklärt und wie durch die rosarote Brille gesehen. Das passiert einem, der "nur" Urlaub macht, schon mal. Aber wir sind uns durchaus bewußt, daß Irland erst am Anfang einer gewaltigen Reise zu sich selbst steht. Noch trägt eine gewisse Euphorie, da es fast Allen im Moment richtig gut geht. Das täuscht aber nicht über die Mängel hinweg und wir hoffen, die Iren erkennen dies, bevor das große Heulen kommt. Renten, Krankenversicherung, ärztliche Hilfe vor Ort, Schulen, die nicht nur katholisch geführt werden, Umwelt- und vor allem Kulturgüterschutz usw., usw. Alles Gute, liebe Iren, auf daß es in zehn Jahren bei Euch nicht auch so aussieht, wie im restlichen "Gute-Nacht-Europa" !

Fortführung ...

* irisch = Irland für immer

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